Interkulturelle Wochen Mosbach 2018

Am kommenden Sonntag, 23.09.2018 starten die Interkulturellen Wochen Mosbach 2018 um 10.10 Uhr in der Stiftskirche Mosbach.

Alle Informationen zu den Veranstaltungen können Sie dem Flyer der IK 2018 entnehmen. Der Flyer ist hier abrufbar.

Alle Veranstaltungen sind kostenfrei. Wir bitten um Anmeldung zur Lesung am 9.10 und zum Theaterabend mit der Berliner Compagnie am 23.11.

Ihre Anmeldung richten Sie bitte an asyldontospamme@gowaway.diakonie-nok.de oder über diese Homepage unter Veranstaltungen, dort können Sie sich direkt online anmelden.

Ich würde mich freuen, wenn ich Sie bei der ein oder anderen Veranstaltung begrüßen dürfte.

Ihre Nancy Gelb

Interkulturelle Woche Mosbach - Kundgebung Seebrücke - schafft sichere Häfen!

„Seenotrettung ist kein Verbrechen“ 

Mehr als 160 Menschen kamen zur Kundgebung „Seebrücke – schafft sichere Häfen!“, veranstaltet vom Ev. Kirchenbezirk und der Diakonie Neckar-Odenwald am vergangenen Freitag, darunter viele Menschen, die selbst über das Mittelmeer nach Europa kamen und Schreckliches erlebten. Der Marktplatz war übersät von orange Gekleideten – der offiziellen Farbe der Kampagne - und Plakaten, auf denen zum Beispiel „Retten ist kein Verbrechen!“ oder „Stoppt das Sterben im Mittelmeer“ zu lesen war. „Ich freue mich, dass wir heute uns hier treffen können, um ein Zeichen für Menschlichkeit und Hoffnung, ein Zeichen für Solidarität und Frieden in der Welt zu setzen.“ Mit diesen Worten begann Dekan Folkhard Krall sein Statement für die Seenotrettung auf dem Mittelmeer. Er richtete seine Ansprache an die Nobelpreisträger und –trägerinnen auf dem Marktplatz, nämlich an jeden EU-Bürger und jede EU-Bürgerin – allesamt Repräsentanten der EU, die den Friedensnobelpreis erhalten hat. Nancy Gelb, Kirchenbezirksbeauftragte für Flucht und Migration, eröffnete mit den Worten: „Wir sind heute hier, um unsre Stimmen dagegen zu erheben, dass Menschen und Boote von Grenzpatrouillen zurückgedrängt und beschossen werden und wir sprechen uns dafür aus, dass die privaten Seenotretter und Seenotretterinnen nicht kriminalisiert werden, sondern ihre lebensrettenden Hilfen durchführen dürfen!“ Jeannette Bell, Mitarbeiterin der Diakonie Neckar-Odenwald, fragte sich und ihre Zuhörer: „Wollen wir durch die von uns als Wählerinnen und Wähler legitimierte Politik mitschuldig sein an dem Tod von Tausenden Menschen im Mittelmeer? Können wir wegschauen, wenn Seenotretter daran gehindert werden, ertrinkenden Menschen das Leben zu retten? Tragen wir diese deutsche und europäische Politik mit? Wir als Kirche haben eine klare Antwort auf diese Fragen: Nein, wir tragen diese Politik nicht mit!“

Als Hauptredner war Friedrich Reich, Mitgründer der Organisation ResQship, zur Kundgebung angereist. Er war selbst zwei Mal auf dem Mittelmeer unterwegs, um Menschenleben zu retten. Er berichtete:„ Ich war an einer Rettungsmission der Seawatch beteiligt. Wir wurden allerdings von der libyschen Küstenwache an der Rettung gehindert. Wir mussten zusehen, wie die Menschen auf dem Boot um ihr Leben kämpften und teilweise vor unseren Augen ertranken. Wir hatten genügend Rettungswesten an Bord. Wir hätten helfen können.“ Für Reich ist die aktuelle Verhinderungspolitik zur Seenotrettung nicht nachvollziehbar und unmenschlich. Er dankte daher allen Anwesenden für ihre Solidarität mit den Rettern. Noch immer war er sichtlich bewegt vom Erlebten und erschüttert über die zunehmende Abschottung und Grenzsicherung zulasten von Menschenleben. Reich machte darauf aufmerksam, dass Seenotrettung völkerrechtlich geregelt ist und eine Pflicht jeden Schiffes und dessen Crew darstellt. Das Auslaufen von Rettungsschiffen zu behindern oder gar zu verbieten führe zwangsläufig zu mehr Toten. Die Umsetzung des Seerechts diene auch der Verwirklichung  der universell geltenden Menschenrechte. Doch diese begraben wir dieser Tage im Mittelmeer, so Reich. Allein in diesem Jahr sind schon mehr als 1600 Menschen auf dem Weg nach Europa im Mittelmeer ertrunken. Die Abschottungspolitik im Sinne von „Grenzen statt Menschen schützen“, die Beendung der italienischen Seenotrettungsmission „Mare Nostrum“ und die generelle Kriminalisierung der privaten Seenotrettung führen dazu, dass die Überfahrt nach Europa noch häufiger für Männer, Frauen und Kinder tödlich endet. 

Die Kundgebung fand im Rahmen der Interkulturellen Woche statt und war Teil der bundesweiten Kampagne „Seebrücke – schafft sichere Häfen“ (www.seebruecke.org). Die Seebrücke wurde initiiert von haupt- und ehrenamtliche Aktivistinnen in der Seenotrettung und Geflüchtetenhilfe als Ende Juni die „Lifeline“ mit 234 Menschen an Bord tagelang auf hoher See ausharren musste und in keinen europäischen Hafen einlaufen durfte. Inzwischen sind über 100 000 Menschen im Namen der Seebrücke auf die Straße gegangen. Umrahmt wurde die Kundgebung von verschiedenen Aktionen. Der Marktplatz wurde in ein Meer umgewandelt, auf dem Schlauchboote und Rettungswesten verteilt waren. Teilnehmer konnten orangene Papierschiffchen basteln und sie dort symbolisch „zu Wasser“ lassen, um ihre Unterstützung und Anteilnahme auszudrücken. Orangene Heliumluftballons mit Namen und Todesdaten von Personen, die die Flucht nach Europa mit ihrem Leben bezahlten, waren auf dem Marktplatz verteilt. Stefanie vom Hoff, die Pfarrerin der Ev. Stiftskirche Mosbach, las ihre Namen vor und läutete eine Schweigeminute für alle Verstorbenen ein. Schließlich beendete sie die Kundgebung mit einem Fürbittgebet.

Wenn Sie sich für Seenotrettung einsetzen wollen und ein Zeichen gegen das Sterben im Mittelmeer setzen wollen, unterschreiben Sie die Petition für humanere Flüchtlingspolitik lanciert von Beatrice von Weizäcker, Sven Giegold (Europaabgeordneter) und Ansgar Gilster (Historiker). Garantierte Menschenrechte und christlichen Werte sollen im Umgang mit Geflüchteten umgesetzt werden. Die Petition kann online unter www.change.org/fluechtlingspolitik unterschrieben werden und liegt im Diakonischen Werk, Neckarelzer Str. 1, Mosbach aus.

 

 

 

Lesung und Vortrag zum Nahen Osten bei der Interkulturellen Woche

 Der Journalist Simon Jacob stellte sein Buch und Projekt „Peacemaker“ vor

Im Rahmen der Interkulturellen Woche lud die Kirchenbezirksbeauftragte für Flucht und Migration, Nancy Gelb, im Namen des evangelischen Dekanats den freien Journalisten und Unternehmer Simon Jacob, gebürtiger Christ aus der Osttürkei und aufgewachsen in Deutschland, ein, sein Projekt „Peacemaker“ vorzustellen. Das Projekt ist die Antwort auf seine jahrelangen Recherchen und daraus resultierenden Reportagen aus Kriegs- und Krisengebieten im Nahen Osten. Jacob war für öffentlich-rechtliche Fernsehsender und namhafte überregionale Tageszeitungen wie „Die Zeit“ als Reporter unterwegs. Als Vorsitzender des Zentralrats der orientalischen Christen in Deutschland ist Jacob zudem ein Vertreter seiner Community, der mit Politikern auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene und mit Oberhäuptern der großen Weltreligionen zusammenkommt. Jacob konnte im Nahen Osten wegen seiner Zugehörigkeit zu einem namhaften Clan Zugang zu verschiedenen Gemeinschaften ethnischer und religiöser Zugehörigkeit erlangen. Dadurch schaffte er es, viele verschiedene Perspektiven über die Konflikte im Irak, Iran, in Syrien, der Türkei, in kurdischen oder yezidischen Gebieten in Betracht zu ziehen. Jacob konnte nicht nur alle Gegenden bereisen, sondern auch die Sichtweisen der Menschen kennenlernen, was sein persönliches Anliegen war.

Die Grausamkeit und Verfahrenheit der lokalen und internationalisierten Konflikte brachten ihn aber auch an den Rand der Verzweiflung. Der Wunsch wuchs in ihm, nicht über Konflikte und Kriege, Gräueltaten, Massaker und Terroranschläge zu berichten. Denn er nahm zusehends wahr, dass das Bild das wir vom Nahen Osten und den Menschen dort haben, ein einseitiges wird. Die Angst vor Männern mit Bart nahm zu, Vorbehalte gegen Menschen aus dieser Region spürte er zunehmend selbst. Dabei streben die einfachen Menschen aber auch viele Führungspersönlichkeiten im Nahen Osten nach Frieden und Freiheit, nach einer guten Zukunft für ihre Kinder, so sein Fazit. Die normale Bevölkerung, die versucht zu überleben und den Alltag zu gestalten, wollte er zu Wort kommen lassen. Doch für diese Art von Nachrichten gibt es keinen Markt, so Jacob. Er kündigte deshalb seine Verträge und machte sich auf den Weg, Geschichten zu sammeln und selbst zu veröffentlichen.

Jacob reiste durch alle Länder in denen er als Korrespondent tätig gewesen war und suchte nach den anderen Geschichten. Und er fand Menschlichkeit inmitten der Kriegsschauplätze und Allianzen für den Frieden über religiöse und ethnische Grenzen hinweg. Darüber erzählt er nun nach seiner Rückkehr in seinem Buch „Peacemaker – dein Krieg, unsere Zukunft“. Außerdem sieht er unseren Frieden und unsere Freiheit in Europa bedroht, wenn wir uns nicht bewusstmachen, welches Gut wir durch Rechtstaatlichkeit und Demokratie jeden Tag genießen können – nicht inhaftiert oder gefoltert zu werden, weil man Politiker kritisiert, auf der Straße gehen zu können, ohne wegen seines Glaubens in Gefahr zu geraten. Er appellierte daran, diesen Frieden nicht als gegeben und normal zu sehen. Man müsse ihn tagtäglich erhalten und die zugrundeliegende Werte – zu oberst die Menschenrechte - uns immer wieder vor Augen führen. Besonders jungen Menschen müsse man erläutern, dass Frieden nicht ohne unser Zutun anhält, sondern Gleichheit und Freiheit, demokratisches Denken und Handeln erlernt werden müssen. Aus dieser Idee heraus bereist er nun mit einem Informationsbus europäische Länder, klärt über die Entstehung der Europäischen Union auf und kommt mit Menschen, ganz besonders an Schulen, darüber ins Gespräch, was Friede bedeutet. Dies tut er als Christ, aber vor allem Mensch.

Der Vortrag im Martin-Luther-Haus war ein Feuerwerk von Impressionen, Texten und Bildern. Simon Jacob war wieder gedanklich auf der Reise im Nahen Osten und er nahm die Zuhöerer*innen dahin mit. Man konnte spüren wie in ihm das Erlebte kurz wieder lebendig wurde und teilweise noch quälten. Man spürte aber auch die Freude darüber, selbst in den Kampfgebieten Menschlichkeit gefunden zu haben. Im offenen Gespräch nach der Lesung waren Emotionen im Raum deutlich zu spüren, die Vielschichtigkeit und Komplexität des Themas in den Fragen der Zuhörer*innen zu erkennen. Beeindruckt davon, dass sich Simon Jacob auferlegt hat, den Friedensdiskurs über Grenzen hinweg zu führen und die „andere“ Geschichte des Nahen Ostens in den Westen zu transportierten, sind der ev. Kirchenbezirk Mosbach und die Diakonie Neckar Odenwald sehr dankbar für diesen authentischen Beitrag zur Interkulturellen Woche, so Nancy Gelb.